Kritik

Auf den Spuren der Familie FlohrAuf den Spuren der Familie Flohr - Bühne - derStandard_rechts

14. April 2013, 17:39

http://derstandard.at/1363707894922/Auf-den-Spuren-der-Familie-Flohr

Salon-5-Theater zeigt „Nachricht vom Verlust der Welt“

Wien – Das Stationendrama „Nachricht vom Verlust der Welt“ erzählt die Geschichte von Bewohnern eines Grätzels, das durch die Verbrechen der NS-Zeit zerrissen wurde. Die mit 20 Darstellern zwischen 14 und 24 Jahren inszenierte Theaterproduktion des Salon 5 ist eine Zeitreise für alle Sinne, die im Rahmen einer Aktionswoche um das ehemalige jüdische Arbeiterviertel im 15. Wiener Gemeindebezirk zu erleben ist.

Auf den Spuren der Familie Flohr erforscht man die geschichtsträchtigen Räume des Vereins Brick-5 in der Fünfhausgasse, unter anderem die ehemalige Halle des jüdischen Turnvereins Makabi und die einstige Erbsenschälfabrik. Man riecht die in der Ausspeisung gereichte Gulaschsuppe, hört Stiegenhausgetratsche über die Comedian Harmonists, fühlt die Holzbalken des alten Dachstuhls und sieht, wie das von Johanna Jonasch und Isabella Wolf geführte Ensemble die alten Mauern mit jugendlicher Energie erfüllt.

Das zweiteilige Stück basiert auf dem gleichnamigen Buch von Inge Rowhani-Ennemoser, die darin die Lebenswege ihrer Mutter Marie und deren Nächsten nachverfolgt. 1935 tritt die gebürtige Oberösterreicherin Marie im Zuge ihrer Hochzeit mit dem Postbeamten Georg Flohr zum Judentum über. Als Georg in Dachau inhaftiert wird, organisiert Marie Auswanderungspapiere für ihn und eine arische Vaterschaftserklärung für ihre unehelich geborene Tochter Lotte. Georg wird schließlich in Palästina sterben, die mit einem Kindertransport nach Schweden geschickte Lotte sich von ihrer Mutter entfremden und Maries zweite Ehe mit dem Wehrmachtsoldaten Ottokar Ennemoser ebenfalls tragisch
enden.

Die Geschichte Lottes steht im Zentrum von Teil 1. Das Publikum erwandert sich in einer weder Witz noch Gefühl missen lassenden Inszenierung einen kindlichen Blick auf die Umwälzungen im Wien der 1930er-Jahre. Teil 2 fokussiert auf Marie und fällt mangels Spielortwechsels konventioneller aus. Gesangs- und Tanzeinlagen ziehen die Vorstellung auch zu sehr in die Länge. Am starken  Gesamteindruck des Abends ändert dies jedoch nichts.

(Dorian Waller/DER STANDARD, 15. 4. 2013)

Bis 18. 4.

3 Gedanken zu „Kritik

  1. „Nachricht vom Verlust der Welt“ ist ganz erstaunlich; nicht nur die Leistung der Schauspieler und Schauspielrinnen ist beachtlich, auch die Inszenierung setzt neue Maßstäbe bezüglich Jugendtheater. Die doch immer recht heikle und oft gescheiterte Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte Österreichs zeigt sich hier mehr als gelungen: In zwei Teilen werden die Auswirkungen des 2. Weltkrieges und der Judenverfolgung auf das Leben einer Mutter und ihrer Tochter erzählt. Perspektivisch nähert sich die Inszenierung dieser beider Leben; der Mutter, die ihr Kind aus Angst vor den Nazis in das sichere Schweden schickt; der Tochter, die in der Fremde erwachsen werden muss – und für 17 Jahre ihre Mutter nicht wiedersehen wird. Dabei öffnet die Inszenierung den Blick auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Frauen; Entscheidungen und Handlungen der Figuren werden somit nicht gewertet, sondern bekommen in ihrer dargestellten Subjektivität eine oft irritierende Plausibilität. Hier gibt es nicht nur einen Blick auf die Dinge, sondern mehrere, eigentlich unzählige, und jeder hat seine Berechtigung, ist nachvollziehbar, oft so, dass es schmerzt. Dieses Aufgaben des einen idealen Blickes und sein Entlarven als Utopie, als Wunschvortsellung, setzt sich congenial in der Anordnung des Spiel-Raums, oder besser, der Räume fort. Im ersten Teil gibt es keine fixe Bühne, die Zuschauer werden durch das Gebäude des Salon 5 geführt, von Station zu Staion, von Szene zu Szene; dabei gibt es keine Chronologie, keine Vereinheitlichung des Raumes: Die Szenen gehen weiter, auch wenn man selbst weitergeht; man verpasst, wahrscheinlich sogar das Wichtigste, eben so wie im wirklichen Leben auch.
    Man kann nicht überall gleichzeitig sein.
    Es passiert, auch wenn ich es nicht sehe.
    Auch wenn ich wegschaue.

  2. WOW!!! Danke, Alexia, für dieses wundervolle Kommentar!!! Wir sind ganz gerührt und es ist wunderschön, dass diese Produktion so viele Bilder und Assoziationen weckt! und … was wir immer hoffen … Spielraum für die eigene Phantasie lässt! …

  3. Wir wollen sämtliche Reaktionen zum Stück mit Euch teilen. DANKE für Eure Sichtweisen und Meinungen und das wunderbare Feedback!!!
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    Die Umsetzung der Geschichte und die Leistung der Jugendlichen war wirklich beeindruckend.
    Eva K.
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    Ich wollte Ihnen auf diesem Weg sehr herzlich danken und gratulieren zu der ausgesprochen tollen Premiere am Samstag. Das Stück hat mir von der Inszenierung sehr gut gefallen, insbesondere auch weil das Thema ein schwieriges, heikles und keinesfalls einfaches ist. Die Jugendlichen waren großartig und sind sichtlich mit Ihrer Hilfe zu Höchstleistungen geführt worden. Ich war sehr gerührt und auch ich hatte wie viele der älteren Besucherinnen (hatte die Gelegenheit mit Freunden und mit einer Schulkollegin von Frau Inge Rowhani-Ennemoser länger im Garten zu sprechen) mit den Tränen gekämpft. Ihnen v.a. besonderen Dank für die beachtliche und außergewöhnliche Arbeit mit den Jugendlichen und dass Sie in Ihrem ersten Teil auch eine Jugendliche mit körperlicher bzw. geistiger Beeinträchtigung (nehme an Down-Syndrom) mit einbezogen haben. Es war für uns ein ganz besonderer Abend!
    Silvia B.
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    Herzliche Gratulation zur Produktion dieses Theaterstücks. Wir sind sehr nachhaltig beeindruckt. Es ist Ihnen nicht nur gelungen eine tolle und berührende Geschichte zu erzählen, und ein Gefühl zu vermitteln, sondern auch junge NachwuchsschauspielerInnen in einem überragend professionellen Bild erscheinen zu lassen, war eine echte Glanzleistung! Danke für den tollen Abend!
    Johannes H.
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    Ein großartiger Abend!
    Margot H.
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    Ich möchte Ihnen nochmals ganz herzlich zu dieser wirklich sehr gut gelungenen Aufführung gratulieren. Wir konnten uns nicht vorstellen, wie es wird und waren sehr positiv überrascht. Es war ein sehr kurzweiliger und emotionaler Abend, die Stimmung ist super rübergekommen und die Darsteller haben alle sehr überzeugt. Ich hoffe, ihr macht weiter so und ich freue mich schon auf eine neue Produktion im nächsten Jahr.
    Carmen S.
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    Ich hatte vor mit Moshe Jahoda (Anm.: ein Zeitzeuge) zur Premiere zu gehen … In einem sehr langen sehr intensiven Gespräch hat er sich aber dagegen entscheiden – er meinte dass die Art und Weise, wie eure Inszenierung ist, ihn zu sehr schmerzen würde. Er hat zu mir gesagt: „Judith, wie soll ich das aushalten? Ich würde meine Mutter, die in der Ausspeisung gearbeitet hat und meine Schwester, die in der Herklotzgasse 21 in den Kindergarten gegangen ist mit meinen Kinderaugen wieder hören und wiedersehen…Ich kann das nicht.“ Moshe war schon öfters wieder in der Herklotzgasse 21, aber ich glaube, euer Stück wäre wirklich zu viel für ihn gewesen. Er lässt euch alle und vor allem die jungen SchauspielerInnen sehr herzlich grüßen und er ist sehr berührt, das kann ich euch sagen … Ich war auch sehr schon von der Generalprobe gerührt und freue mich sehr auf Mittwoch. Gratuliere zum Standardartikel, toll!!
    Judith P.
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    Es war sehr schön zu sehen, sowohl bei der Generalprobe als auch gestern bei der Erinnerungsaktion, mit wie viel Interesse und Aufmerksamkeit sich die Jugendlichen so einem wichtigen Thema widmen.
    Jelena P.- – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
    Das Theater hat mir sehr gut gefallen, vor allem der erste Teil mit dem Stationentheater war unheimlich dicht! Die Leistung der jungen KünstlerInnen war beachtlich!! Interessanter Weise gehe ich seither mit einem ganz anderen „Gefühl“ durch die Herklotzgasse …
    Hedwig W.
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    1 interessanter Abend mit 2 spannenden Stücken.
    Bernd M.
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    Mittwochabend. Theater. Junger Salon! Hinkommen, sich in den Sessel fallen lassen, sich angenehm berieseln lassen, von jungen Leuten, die halt ein wenig Theater spielen. Meiner Seel, wird schon nicht so strapaziös sein. Nette Unterhaltung halt. – FALSCH GEDACHT!!!
    – Zuerst stelle ich fest, dass es eine ziemliche Anmaßung ist, mich nach einem harten Arbeitstag auf eine anstrengende Tour durch ein Wiener Wohnhaus der 1930 Jahre zu bugsieren. Ohne Aufzug bis unters Dach. Eine Art interaktive Reise durch den Alltag der Hausparteien jener Zeit. Dass die Comedian Harmonists nicht mehr auftreten dürfen ist mitunter wirklich ein Skandal.
    Die Reise führte zügig zurück in den Turnsaal, in den sehnlich erwarteten Sessel. Dennoch blieb die Distanz zu den Darstellern kaum spürbar, ich fühlte mich zu jeder Zeit viel näher am Geschehen als ich das von herkömmlichen Bühnen kenne. Einen großen Anteil daran hatte mit Sicherheit auch das engagierte und spielfreudige Ensemble, welchem es die gesamte Zeit über gelang, mich als Zuschauer emotional vollkommen in die Geschichte einzubinden.
    Da war dann aber auch noch das Stück selbst und dessen Inszenierung. Generell muss ich zugeben, dass ich als Theaterbesucher einem eher konservativen Klientel angehöre. Ich mag klassische Stücke am liebsten so sehen, wie sie der Autor gesehen hat. Mit üppigen Bühnenbildern und prachtvollen Kostümen. „Modernem“ Theater begegne ich dagegen mit Ressentiments. Und dennoch empfand ich, als ewig gestriger Fortschrittsverweigerer, die sehr kreative Aufführung, die vielen unkonventionellen Details, als sehr animierend und der Geschichte jederzeit dienlich, niemals aber als aufgesetzt oder Selbstzweck. Das liegt wohl auch daran, dass die textliche Umsetzung und die Inszenierung denselben Köpfen entsprungen war.
    Nach drei spannenden und für die Darsteller sicher nicht minder anspruchsvollen wie anstrengenden Stunden war die lebhafte und fesselnde Reise zu Ende. Ich werde mir wohl das Buch kaufen, denn jetzt will ich wissen, wie die Geschichte der Familie weiterging.
    Ernst D.
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    Habe gestern mit einer Freundin „Nachrichten vom Verlust der Welt“ gesehen. Es war wirklich ein toll inszeniertes und ergreifendes Stationendrama, dass man sicher nicht oft zu sehen bekommt. Ich danke dem ganzen Ensemble sehr dafür😀
    Fabian H.
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    Ich war gestern bei Nachricht vom Verlust der Welt, und bin begeistert! Es war unglaublich toll!!!!! Sehr berührend, fast unglaublich, wie toll die Schauspieler gespielt haben, und wie man in diese Szene hineingezogen wurde! Das kann theater sein! Viel Erfolg !!!!
    Florian T.
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    Obwohl ich mich bis jetzt noch nicht mit Stationen-Theater anfreunden konnte, fand ich den ersten Teil von „Nachricht vom Verlust der Welt“ sehr gelungen. Alles war greifbar nahe und doch irgendwie nicht. Während man noch der keppelnden Möchtegern-Hausmeisterin zuhört, beleuchtet hinter mir schon ein imaginärer Scheinwerfer die nächste Szene und ich drehe mich nach der unbekannten Stimme um. Ein großes Lob meinerseits an die schauspielerische Leitung, denn ich stelle es mir nicht einfach vor, teilweise hautnah vor und mit dem Publikum zu spielen.
    Ich fand es sehr gut, dass wir Zuschauer Lottes Mutter, Maria, erst im zweiten Stück des Abends kennengelernt haben. Nach dem ersten Teil konnte ich Marias Entscheidungen noch überhaupt nicht nachvollziehen, aber je mehr ich über ihre Vergangenheit erfuhr, desto besser konnte ich verstehen, was sie warum gemacht hat.
    Sonst fällt mir zu dem zweiten Stück vor allem ein Gefühl ein: Gänsehaut. Auch wenn die grausamen Demütigungen von Juden „nur“ gespielt waren, es geht doch ziemlich unter die Haut, wenn jemand unmittelbar vor dir „Heil Hitler“ brüllt.
    Trotz der Schwere des traurigen Themas gab es auch etwas zu lachen: wie zum Beispiel die aus dem Nichts auftauchenden Babys von Lotte, die Schwedinnen, Marie und ihr Zukünftiger (Anm.: Otto) in der Donau, die mich ein wenig an Kate & Leo erinnerten, oder die „Verwirrte“ aus dem Orchester.
    Nina K.

    Danke!!! Euer Team vom Jungen Salon!

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