Kritik – Geister

Gott geht auf Weltreise

„Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnaden, der Herr ist mit Dir“ – auf den Knien rutschend betet eine junge Ärztin, weiß bekittelt, in einem alten, baufälligen Spital den Rosenkranz. Der altersschwache Herr Emil, der gerade auf der Bühne sein Leben ausgehaucht hat, kommuniziert post mortem mittels einer Neonröhre mit Suse Melchior, einer Geisterbeschwörerin und Simulantin. Eine Angestellte der Sozialversicherungsanstalt, bürokorrekt in High Heels und Miniröckchen gekleidet, findet den Ausgang des Krankenhauses nicht und wird dabei halb verrückt und eine karrierebesessene Pathologin scheut keine erzwungene Unterschrift, um ein weiteres Struma-Präparat ihrer Sammlung hinzufügen zu können. Wem diese kurzen Blitzlichter irgendwie bekannt vorkommen, der hat sicherlich Lars von Triers Krankenhausserie „The Kingdom“ gesehen. Tatsächlich basiert die diesjährige Produktion des „Jungen Salons“ im Brick-5 auf dieser Serie. Wenngleich sich darin auch allerhand finden lässt, das nicht aus Triers Feder stammt.

Bis zum 2. Mai sind in der Fünfhausgasse 5 – welch berauschende Adressenalliteration – noch die unheimlichen Vorkommnisse rund um das ehemalige Kaiserin Elisabeth Spital zu sehen, in Szene gesetzt von Isabella Wolf. Die Regisseurin arbeitet in dem Stück „Geister“ auf der Bühne mit insgesamt 13! jungen Menschen im Alter zwischen 12 und 23 Jahren. Einige von ihnen weisen bereits eine beachtliche Bühnenerfahrung auf, sind sie doch schon seit Beginn des „Jungen Salons“ im Jahr 2010 mit von der Partie. Für andere wiederum ist es ihr erster Bühnenauftritt. Wie auch immer – eines gilt für alle Teilnehmenden: Gespielt wird auf „Teufel komm raus“. Und das streckenweise so, dass man vergisst, junge Laien vor sich zu haben. Zu verdanken haben sie dies der ursprünglichen Idee von Anna Maria Krassnigg, die in Wien mit der Gründung eines Theaterclubs für Jugendliche ein Vakuum aufbrach. Das Ziel, jungen Menschen im 15. Bezirk die Chance zu geben, aktiv am Entstehungsprozess von professionellen Theaterproduktionen dabei zu sein, dieses Ziel wird nun bereits zum fünften Mal in Folge erreicht. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Johanna Jonasch trägt Isabella Wolf die Verantwortung dieser Unternehmung. „Geister“ ist ein Stück, das man auf den ersten Blick vielleicht nicht als für junge Schauspielerinnen und Schauspieler geeignet ansehen mag. Dass dies nun aber trotz aller Einwände, die man dagegen vorbringen könnte, funktioniert, ist nicht nur dem Enthusiasmus zuzuschreiben, den die Jungen hier einbringen. Es ist vor allem Wolfs Gespür für die Theaterbegeisterten, ihre eigene, langjährige Erfahrung als Schauspielerin, die sie bei dieser Arbeit einbringen kann sowie ihre Lust am Regieführen.

Bei der diesjährigen Theaterproduktion besticht aber nicht nur die Trier´sche Vorlage, allein schon ein Bühnenwagnis, komprimiert an einem Abend. Wer dabei eine plumpe Adaption des filmischen Geschehens erwartet, der wird jedoch eines wesentlich Besseren belehrt. Einem kreativen Einfall folgend fügte Isabella Wolf noch weitere Textstellen hinzu – entnommen aus dem Buch „Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter“ von Aglaja Veteranyi. Jener jung verstorbenen Literatin, die erst mit 18 Jahren ihrem Analphabetismus entkam, jedoch zeit ihres Lebens die Last schrecklicher Jugenderlebnisse mit sich schleppen musste und schließlich daran zerbrach. Die Verknüpfung dieser abstrakten Textstellen, die sich in einer atemberaubend schönen Lyrik mit dem Sterben im Spital auseinandersetzen mit Triers gruseliger und temporeicher Szenenabfolge, ergibt ein völlig neues Ganzes, das beinahe unabdingbar zu sein scheint. Wer weder Triers filmische Vorlage, noch Veteranyis Texte kennt, könnte meinen, einer besonders kunstvoll-gewollt-konstruierten Sprachmischung beizuwohnen, die ihre Faszination gerade aus ihren Gegensätzen zieht. Vanessa, Wally, Heidi, Gunda, Mikey, Magdalena, Judith, Luzia, Lisa, Corry, Carmen, Christina und Veronika tragen das Ihre dazu bei, die vielen verschiedenen Charaktere mit Leben zu versehen. Oder auch mit einem Todeshauch. Denn in „Geister“ wird nicht nur gelebt und gestorben, auch Untote respektive ein furchteinflößender Geist beleben die Szenerie mehrfach. Dabei schwankt das Geschehen permanent zwischen einem veritablen Krimi dem ein grausiger und unglaublich unmenschlicher Mordfall zugrunde liegt, der Tragik einer verpfuschten Operation, die Mona, einem jungen Mädchen, die Debilität einbringt und der absurden Idee der Krankenhausleiterin, dieses zerfallende Gebäude, in dem der Schimmel regiert und die Wasserleitungen nicht mehr dicht sind, zu einem Vorzeigespital hochzutrimmen.

Das räumliche Surrounding (Anna Christin Feilkas) arbeitet mit sparsamen und zweckmäßigen Objekten wie Tischen, Stühlen oder Bahren, überzeugt aber vor allem durch den multimedialen Einsatz von kleinen, projizierten filmischen Takes, die nicht nur auf der Bühne selbst, sondern auch an einer Saalwand zu sehen sind. Gruselig, wie sich dabei plötzlich die Türen eines Aufzugs öffnen und darin ein junges Mädchen sichtbar wird, das sich zusehends in eine Mumie verwandelt. Berührend, wie in der Schlussszene Mona einen Spitalsgang durchschreitet, um letztlich in hellem Licht zu verschwinden. Gottes- oder Nahtodassoziationen liegen dabei durchaus auf der Hand. Irma Süß, jener Geist, der erst zur Ruhe kommt, als die Ermordung des Mädchens aufgedeckt wird, darf sich nicht nur als zerflederte Puppe langsam in ihrem eigenen Zeitrhythmus an die Leidenden heranschleichen. Ihre Seufzer und Wehklagen gehen unter die Haut und lassen ihr Leid beinahe körperlich erahnen.

So schwarz und bitter sich das Geschehen auch gebiert, so wohltuend erscheinen jene Einsprengsel Veteranyis, die von Wolf geistreich theatralisch umgesetzt werden. Dabei legt sie die Sätze der Ausnahmeautorin mehreren Putzfrauen, „guten Geistern“ also, in den Mund, die beständig durch die Szenerien wandeln. Sie evozieren das Gefühl, als ob sie und nicht das medizinische Personal die Wissenden seien. Immer zur Stelle, alles hörend, alles sehend, rezitieren sie Veteranyis Lyrik fast statisch. Manchmal sind es nur minimalistische Körperbewegungen wie ein gegenläufiges Schwanken, das ihre besondere Stellung noch unterstreicht. Manchmal ist es lediglich ihr aufmerksamer Blick, der sich auf die Menschen richtet und sich nicht von der allgemeinen Geschäftigkeit ablenken lässt, der besticht. Wesen zwischen dem Hier und einer anderen Dimension, Mittlerinnen zwischen den Welten.

Das Beste kommt am Schluss – bei „Geister“ des „Jungen Salons“ stimmt dies zu mehr als hundert Prozent. Einfach nur köstlich, wie sich am Kulminationspunkt der Ereignisse plötzlich eine Pointe an die nächste reiht, sodass befreiendes Lachen das Publikum von der zuvor aufgebauten Anspannung erlöst. Und einfach unbeschreiblich schön, wie sich die letzten Sätze wie ein Samtmantel um das gesamte Geschehen schmiegen, um dem Spiel noch eine übergeordnete Sinnhaftigkeit aufzusetzen. „Die Großmutter hatte Licht gekocht. Iß! Aber Gott hatte sich den Magen verdorben.“ heißt es da. Gott, der nicht mehr glauben kann, macht sich auf eine Weltreise. Verlässt jenen Ort, an dem er am dringendsten gebraucht wird, und kümmert sich – vielleicht nur mehr um jene, die ins weiße Licht entschwinden. Ein trauriger, berührender und ätherisch-schöner Schluss zugleich, den man am liebsten in einem Loop hundertfach wiedersehen möchte.

http://www.european-cultural-news.com/gott-geht-auf-weltreise/8848/

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